Zielkonflikte in der Produktion systematisch reduzieren
Wie Unternehmen Lieferfähigkeit und Effizienz gemeinsam verbessern können
23.06.2026 | Von Dr. Reiner Friedland, Miebach
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Produktionssysteme stehen unter wachsendem Druck, mehrere widersprüchliche Ziele gleichzeitig zu erfüllen: hohe Lieferfähigkeit, niedrige Kosten, geringe Bestände, hohe Qualität, Flexibilität und maximale Auslastung. Die isolierte Optimierung einzelner Kennzahlen führt jedoch häufig zu neuen Problemen an anderer Stelle. |
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Besonders sichtbar wird dieser Zielkonflikt im Spannungsfeld zwischen den Kennzahlen OTIF (On Time In Full – die termingerechte und vollständige Lieferung an den Kunden) und OEE (Overall Equipment Effectiveness – die Gesamtanlageneffektivität als Maß für Produktionseffizienz): Während Kunden und Vertrieb Flexibilität, kleine Lose und kurze Lieferzeiten fordern, verlangt das Management nach hoher Anlageneffizienz und stabiler Auslastung.
Ein Ansatz, um diesen Konflikt wirksam zu entschärfen, ist die Reduzierung der Durchlaufzeit. Sie verbessert nicht nur die Termintreue und Flexibilität, sondern senkt gleichzeitig Bestände, reduziert Planungsunsicherheit und stabilisiert das gesamte Produktionssystem. Der Schlüssel liegt dabei nicht in lokalen Einzelmaßnahmen, sondern in einem systemischen Blick auf die tatsächlichen Ursachen langer Durchlaufzeiten.
Warum Zielkonflikte in der Produktion unvermeidbar sind
In der Produktion gehören Zielkonflikte zum Alltag. Wer Kosten senken will, gefährdet oft die Flexibilität. Wer maximale Auslastung anstrebt, erhöht Bestände und Durchlaufzeiten. Wer besonders schnell auf Kundenwünsche reagieren möchte, bringt Stabilität und Effizienz unter Druck. Genau darin liegt eine der größten Herausforderungen moderner Produktionssysteme: Mehrere, teils widersprüchliche Ziele müssen gleichzeitig erreicht werden.
Für Produktionsverantwortliche bedeutet das, permanent abzuwägen. Entscheidungen, die lokal sinnvoll erscheinen, erzeugen im Gesamtsystem häufig unerwartete Nebenwirkungen. Eine isolierte Verbesserung einzelner Kennzahlen führt deshalb nur selten zu nachhaltigen Ergebnissen. Entscheidend ist nicht die Optimierung eines einzelnen Parameters, sondern ein belastbares Gleichgewicht zwischen Kosten, Lieferfähigkeit, Flexibilität, Beständen, Qualität und Auslastung.
Abb. 1: Zielkonflikte in der Produktion – Produktionssysteme müssen Kosten, Flexibilität, Lieferfähigkeit, Qualität, Bestände und Auslastung gleichzeitig ausbalancieren.
OTIF gegen OEE: Wo der Zielkonflikt besonders sichtbar wird
Besonders deutlich zeigt sich dieser Zielkonflikt im Spannungsfeld zwischen OTIF und OEE.
OTIF, also die Fähigkeit, Kundenaufträge vollständig und termingerecht zu erfüllen, steht für den Servicegrad eines Unternehmens. OEE dagegen misst die Effizienz und Auslastung von Produktionsanlagen. Beide Zielgrößen sind wichtig und berechtigt. Und genau deshalb geraten sie in der Praxis so oft aneinander.
Denn Kunden und Vertrieb erwarten heute hohe Flexibilität, kleine Losgrößen und kurze Lieferzeiten. Kurze Amortisationszeiten hoher Anlageninvestitionen erfordern zugleich eine hohe Anlagenauslastung und kontinuierliche Effizienzsteigerung. Aus Sicht der OEE sind große Serien, stabile Reihenfolgen und möglichst wenige Umrüstungen ideal. Aus Sicht der Lieferfähigkeit sprechen hingegen kleine Lose, kurzfristige Reaktionen und anpassungsfähige Planungen für sich.
Dieser Zielkonflikt lässt sich nicht vollständig auflösen. Aber er lässt sich systematisch reduzieren.
Abb. 2: Der zentrale Zielkonflikt zwischen OTIF und OEE – Kundenservice und Anlageneffizienz folgen unterschiedlichen Logiken, die im Tagesgeschäft unmittelbar aufeinandertreffen.
Durchlaufzeit als gemeinsamer Hebel für Effizienz und Service
Der entscheidende Hebel liegt dabei oft nicht dort, wo zuerst gesucht wird. Viele Unternehmen versuchen, den Konflikt direkt über Planungsdisziplin, Auslastungsvorgaben oder Bestandsziele zu lösen. Wir sehen jedoch immer wieder: Der wirksamste Lösungsansatz ist die Reduzierung der Durchlaufzeit.
Eine reduzierte Durchlaufzeit verbessert nicht nur eine einzelne Kennzahl, sondern wirkt gleichzeitig auf mehrere Zielgrößen. Kürzere Durchlaufzeiten verringern Planungsunsicherheiten und reduzieren Schwankungen im System. Die Planung wird stabiler und verlässlicher; die Termintreue steigt, was direkt auf die Lieferfähigkeit einzahlt. Gleichzeitig wächst die Reaktionsfähigkeit gegenüber Nachfrageveränderungen, weil das System insgesamt beweglicher wird.
Auch die operativen Nebeneffekte sind erheblich. Weniger Eilaufträge entlasten die Produktion. Bestände sinken, gebundenes Kapital wird reduziert. Produktivität, Kosten und Qualität profitieren, weil Störungen und unnötige Schleifen abnehmen.
Nicht Symptome bekämpfen, sondern Ursachen sichtbar machen
Durchlaufzeit nicht als Symptom, sondern als Ergebnis struktureller Ursachen verstehen.
In vielen Produktionssystemen besteht die tatsächliche Auftragsdurchlaufzeit nur zu einem kleinen Teil aus wertschöpfender Bearbeitung. Ein erheblicher Anteil entfällt auf Warte- und Transportzeiten. Genau dort wird sichtbar, dass das Problem häufig nicht im einzelnen Arbeitsschritt liegt, sondern in der Struktur des Gesamtsystems.
Ein wirksamer Lösungsansatz beginnt deshalb mit Transparenz. Zunächst müssen reale Auftragsdurchlaufzeiten ermittelt werden. Erst wenn sichtbar wird, wie lange Aufträge tatsächlich unterwegs sind, lassen sich die durchlaufzeitbestimmenden Prozesse und damit der kritische Pfad der Durchlaufzeit identifizieren. Auf diesem Pfad entscheiden meist nur wenige Prozesse maßgeblich über die Gesamtdurchlaufzeit.
Dort lohnt sich der genaue Blick: Wo entstehen Wartezeiten? Welche Engpässe verzögern den Fluss? Welche Schwachstellen haben die größte Wirkung auf das Gesamtsystem?
Sind diese Punkte identifiziert, werden Verbesserungspotenziale ermittelt und dann nach Wirkung und Umsetzbarkeit priorisiert. Entwickelte Maßnahmen lassen sich unterscheiden nach: kurzfristig zur Stabilisierung, mittelfristig zur strukturellen Verbesserung und langfristig zur nachhaltigen Verankerung im Produktionssystem.
Abb. 3: Vom Symptom zur Ursache – strukturierter Ansatz zur Analyse realer Auftragsdurchlaufzeiten, Identifikation des kritischen Pfades und Priorisierung wirksamer Maßnahmen.
Lean-Prinzipien bleiben zentral – KI verstärkt ihre Wirkung
Auf dem Weg zu nachhaltigen, praxisrelevanten Lösungen helfen bewährter Prinzipien. Lean-Ansätze liefern nach wie vor eine starke Grundlage, um Durchlaufzeiten gezielt zu reduzieren. Pull-Prinzipien und durchlaufzeitoptimale Losgrößen helfen, Bestände zu senken und den Materialfluss zu verbessern. Ein konsequentes Engpassmanagement fokussiert auf genau die Prozesse, welche die Gesamtdurchlaufzeit wirklich bestimmen. Planungspuffer entlang des kritischen Pfades lassen sich gezielt reduzieren. Rüstprozesse und Reihenfolgelogiken können systematisch verbessert werden. Und stabile Qualität senkt Nacharbeit, Unterbrechungen und Störungen.
Neue Technologien wie Digitalisierung und KI eröffnen neue Möglichkeiten, die bewährten Lean-Prinzipien noch besser zu nutzen. Echtzeitdaten schaffen die Grundlage für eine dynamischere Planung. Algorithmen können Engpässe frühzeitig sichtbar machen, bevor sie sich im Shopfloor spürbar auswirken. Adaptive Steuerungsmechanismen reagieren auf Prozessschwankungen schneller und gezielter. Das ersetzt keine bewährten Produktionsprinzipien, verstärkt aber ihre Wirkung. Die Kombination aus methodischer Exzellenz und intelligenter Datennutzung eröffnet damit zusätzliche Potenziale, um Zielkonflikte messbar zu reduzieren.
Abb. 4: Bewährte Verbesserungsprinzipien und KI-Unterstützung – Lean-Prinzipien bilden die Grundlage, KI erhöht Transparenz, Reaktionsgeschwindigkeit und Steuerungsqualität.
Warum ein fokussierter Einstieg schneller Wirkung zeigt
Viele Verbesserungsprogramme scheitern nicht an fehlendem Know-how, sondern an zu hoher Komplexität. Zu viele Handlungsfelder, zu viele Initiativen, zu wenig Fokus. Erfolgreicher ist meist ein gezielter Start entlang des kritischen Pfades. Der erste Schritt ist Transparenz über reale Prozesszeiten. Danach werden die durchlaufzeitbestimmenden Prozesse analysiert und Schwachstellen systematisch bewertet. Auf dieser Basis entstehen Lösungsideen gemeinsam mit den Verantwortlichen aus Produktion und Planung. Maßnahmen werden priorisiert und in Pilotlösungen überführt, die kurzfristig umsetzbar sind.
Das schafft zwei Vorteile zugleich: Unternehmen konzentrieren sich auf die höchsten Hebel, und sie erzeugen schon nach wenigen Wochen sichtbare Verbesserungen. Genau diese frühe Wirksamkeit ist oft entscheidend, um Vertrauen in den Ansatz aufzubauen und die Organisation mitzunehmen.
Abb. 5: Fokussierter Einstieg über den kritischen Pfad – Transparenz, Potenzialbewertung und Pilotumsetzung schaffen in kurzer Zeit messbare Wirkung.
Verbesserungen sind branchenübergreifend möglich
Unsere Projekterfahrung zeigt, dass sich Durchlaufzeiten in unterschiedlichsten Branchen wirksam reduzieren lassen. So hat etwa die Einführung eines Takts Montageprozesse stabilisiert und ihre Steuerbarkeit verbessert. Kürzere Rüstzeiten senken die Durchlaufzeit direkt, während die verlässliche Bereitstellung von Vorrichtungen unnötige Wartezeiten vermeidet.
Auch die gezielte Strukturierung von Montageinseln oder Linien erhöht sowohl die Flexibilität als auch die Prozessstabilität. Pull-Steuerungen tragen dazu bei, Bestände zu reduzieren und den Materialfluss zu verbessern. Optimierte Instandhaltungsprozesse verringern Wartezeiten und erhöhen die Verfügbarkeit kritischer Ressourcen. Darüber hinaus helfen kleinere Losgrößen, Warteschlangen zu verkürzen und den Fluss im System zu beschleunigen.
Eine synchronisierte Planung schafft schließlich die Grundlage dafür, den Gesamtprozess stabiler und robuster zu steuern.
Abb. 6: Lösungen aus Projekten – Beispiele aus unterschiedlichen Branchen zeigen, wie verschiedene Hebel zur Reduzierung der Durchlaufzeit beitragen können.
Wenn Sie Zielkonflikte in der Produktion systematisch reduzieren möchten, sprechen Sie uns gerne an.
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